Liebe Leute, 

kurz zusammengefasst: Die Erkenntnisse des ersten Tages

  • Uber-Taxi-Fahrer sind äußerst freundlich und gute Gesprächspartner: Vier mal genutzt, vier unterschiedliche Fahrer gehabt – mit dreien über Politik geredet, mit einem still aus dem Fenster gestarrt  – er nach vorne (ein Glück), ich in die Landschaft.  Fazit: Wenig ausgeprägtes Interesse an der aktuellen Politik, selbst die Amerikaner verstehen ihr Wahlsystem (basierend auf  dieser kleinen Uber-Studie) nicht.
    Wer Uber nicht kennen sollte, eine Erklärung vom neuen Uber-Studienrat, also mir: Das Unternehmen vermittelt über eine super einfach zu nutzende App private Fahrer an Fahrgäste.

  • Man kommt gänzlich ohne Bargeld aus. Das ist mir zwar nicht ganz neu, aber hat sich wieder einmal eindrucksvoll gezeigt – ob Taxi, Sandwich oder Flasche Wasser im kleinen Supermarkt, alles geht mit Kreditkarte. Am Ende des Tages habe ich mir pflichtbewusst dann noch ein paar Scheine gezogen. Man weiß ja nie.
  • In San Francisco braucht man eine gute Handbremse (Bild)

 

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Ohne gute Bremsen geht hier nichts: Steile Straßen in San Francisco.

 

 

Im Zentrum des Dienstages – hier ist es übrigens gerade sechs Uhr morgens – stand aber das Thema Obdachlosigkeit: Das obige Bild vor der City Hall habe ich kurz nach dem Treffen mit einem Offiziellen der Stadt aufgenommen, der für die Obdachlosen zuständig ist. Die Polizei kontrollierte einen Mann, der auf der Straße lebt und offenbar verwirrt war. Sein Zelt lag mitten auf der Straße, er selbst schien nicht zu wissen, was er tat. Immer wieder setzte er sich auf den Bordstein, stand wieder auf, lief um sein Zelt. Murmelte etwas, die Polizei beobachtete die Szene. Ich verließ sie.

Es ist schon erschreckend, wie diese Menschen das Straßenbild San Franciscos prägen. Wir kennen die Bilder eigentlich alle aus USA-Reportagen und Dokumentationen. Es aber live zu sehen, ist bedrückend. Die Menschen liegen auf dem Gehweg, schlafen völlig weggetreten mit offenem Mund, den Arm schützend über die Augen gelegt, die Schuhe haben sie irgendwo verloren. Insbesondere der Bezirk Tenderloin, in dem auch die Coalition on Homelessness – eine Organisation, die sich um Obdachlose kümmert – liegt, ist offenbar Anziehungspunkt für Menschen ohne eigenes Heim. Der Geruch von Urin mischt sich an einigen Ecken mit dem von Marijuana. Das gibt es zwar auch an manchen Ecken in Kassel, aber nicht derart ausgeprägt. Ich frage mich dann häufig: Wie kann ein Land, das sich als so stark und mächtig empfindet, dieses Problem nicht in den Griff bekommen? Zehntausende Menschen sind im Grunde für die Gesellschaft verloren – für immer.

Den ganzen Vormittag habe ich bei der Organisation „Coalition on Homelessness“ verbracht. Sie versuchen nicht nur, das Leben der Menschen zu erleichtern, sondern setzten für die Rechte von Obdachlosen ein. Sie verstehen sich als Correctiv, legen den Finger bei der Stadt in die Wunde, wenn etwas nicht rund läuft.

Die Stunden dort reichten nicht aus, um das Thema gänzlich mit all seinen Problemen und Facetten zu erfassen. Für die Mitarbeiter, zu denen Kelly Cuttler (Bild) zählt und mit der ich mich lange unterhalten habe, gibt es einige Gründe für die vielen Menschen auf der Straße. Die Stadt San Francisco sieht das teilweise natürlich anders. Hier war Sam Dodge mein Ansprechpartner. IMG_7901

Eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Punkte:

  •  Die Regierung hat seit den 80ern immer weniger in den sozialen Wohnungsmarkt bzw. -bau investiert – das bestätigt auch Sam Dodge, der bei der Stadt San Francisco für das Thema zuständig ist. Mit diesen Folgen kämpft die Stadt nun. Laut der Coalition of Homelessness sanken die Investitionen teils um 45 Milliarden Dollar im Jahr.
  • Hohe Mieten: Durch den Tech-Boom, ausgelöst durch das Silikon Valley, haben die Mieten in San Francisco stark angezogen. Gut verdienende Menschen zieht es in die Stadt, früher unliebsame Stadtteile werden entwickelt und attraktiver. Die Mieten steigen. Menschen, die sich das nicht leisten können, müssen ausziehen. Die Miete für ein Ein-Zimmer-Apartment liegt laut der Coalition bei 2,200 Dollar im Monat – das übersteigt den Lohn einer normalen Servicekraft, die etwa 1,495 Euro im Monat verdient
  • 6686 Menschen leben in San Francisco auf der Straße – die Zahl steigt – die Stadt erwartet einen Anstieg, zuletzt lag dieses Wachstum bei vier Prozent (2014)
  • Die Stadt hat zu wenig Betten für Obdachlose – mindestens 500 Menschen stehen auf einer Warteliste
  • Abhängig von der jeweiligen Situation bekommt ein Obdachloser laut der Coalition im Monat 60 Dollar plus Gutscheine für diverse Leistungen
  • Bis zu 50 Prozent der Obdachlosen sind Afro-Amerikaner
  • Seit 2010 gibt es in San Francisco die Sit-lie-Anordnung: Die Bevölkerung stimmte darüber ab – Menschen dürfen demnach nicht zwischen sieben Uhr morgens und 10 Uhr abends auf dem Gehweg sitzen oder liegen – sonst droht ihnen eine Strafe.
  • Die Präsidentschaftskandidaten haben sich bisher wenig zum Thema der Obdachlosen geäußert – „sie sind nicht auf der Agenda“, sagt Kelly Cuttler von der „Coalition on Homelessness“ – weder bei Demokraten noch bei den Republikanern

Das sind erste Fakten, die sich heute ergeben haben. Morgen erfahre ich hoffentlich noch mehr von den Menschen auf der Straße selbst, wie sie ihr Leben empfinden und ob sie einen Ausweg sehen.

So far, so good,

Euer Max Holscher

 

Achso: Über 100 Menschen haben inzwischen meinen Newsletter abonniert. Vielen Dank. Ich freue mich über Rückmeldungen, positiv, aber natürlich auch kritische Anmerkungen. Ich versuche Euch, so gut es geht an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

 

 

 

2 Gedanken zu “Leben auf der Straße

  1. Danke für den Bericht. Bei den Mietpreisen kommen mir hier in Florida echt die Tränen. Ich zahle hier 1400$ für ein 160qm großes Haus. Ich werde deine Berichte weiter gespannt verfolgen.

    Viele Grüße aus Florida

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