Liebe Leute,

der Tag gestern war voller Kontraste: Ich habe mich zuerst mit Sandy und Lonnie Phillips getroffen. Sie haben ihre 24-jährige Tochter Jessica Ghawi bei einem Amoklauf 2012 in einem Kino bei Denver verloren. Seitdem reisen die beiden mit einem Camper durch die Vereinigten Staaten und helfen Menschen, denen Ähnliches passiert ist.  Nach diesem Treffen bin ich direkt in einen Gun Club gefahren – dort habe ich mit den Besitzern über Waffengesetze geredet. Das hat mir nochmal gezeigt, wie unterschiedlich Deutsche und Amerikaner in diesem Punkt denken. Ganz nebenbei: Es gibt derzeit mehr Waffen als US-Bürger in den Vereinigten Staaten. Es sollen 300 Millionen Waffen im Umlauf sein.

 

Waffengesetze verschärfen bzw. Waffen für Privatpersonen ganz verbieten – das ist für die Menschen in dem Gun Club undenkbar – gut, was will man auch anderes erwarten. Aber die Bereitschaft überhaupt irgendetwas zu ändern, ist trotz der ganzen Vorfälle nicht vorhanden.  In dem Gun Club habe ich  auch die ersten Trump-Unterstützer während meiner Tour kennengelernt. Auf meine Erlebnisse in dem Gun Club werde ich aber erst im nächsten Eintrag eingehen.

Aber fangen wir von vorne an: Die Geschichte der 24-jährigen Jessica Ghawi ist doppelt tragisch. Die Journalistin war zwei Monate, bevor sie in dem Kino durch einen Kopfschuss starb, einem anderen Anschlag in Toronto (Kanada) knapp entgangen.

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Starb bei einem Amoklauf  in Denver-Aurora (Colorado). Foto: Privat

In Toronto lebte ihr Freund, den sie besuchte. An dem Tag, dem 2. Juni 2012,  war sie allein in einem Einkaufszentrum unterwegs, ging zu einem Burgerladen, um dort zu essen.  Danach, etwa gegen 18.20 Uhr, fühlte sie sich allerdings nicht wohl und ging raus an die frische Luft.Das war ihr großes Glück. Denn nur drei Minuten später, um 18.23 Uhr eröffnete der 23-jährige Christopher H.  das Feuer auf einen Gangrivalen.  Seine Schüsse töteten zwei Menschen und verletzten sechs weitere teilweise schwer. Ein Mann starb laut Jessica Ghawi an dem Tisch, an dem sie gesessen hatte.

 

Danach schrieb die 24-Jährige in einem Blogeintrag:

 „Am Samstag habe ich begriffen, wie zerbrechlich das Leben ist. Ich sah die Opfer eines sinnlosen Verbrechens. Ich wurde daran erinnert, dass wir nicht wissen, wann oder wo unsere Zeit auf dieser Erde endet. Wann oder wo wir unseren letzten Atemzug tun.“

Nur sechs Wochen später, am 20. Juli 2012, wurde sie Opfer des Amoklaufs in Aurora.  Weitere elf  Personen starben in dem Kino, 58 wurden verletzt. An dem Kino erinnert heute übrigens nichts mehr an die Schießerei. Nirgends ist eine Tafel oder Ähnliches zu finden. IMG_0137

Der Attentäter hatte die Munition (6000 Schuss) übrigens per Mausklick im Internet gekauft – eine Überprüfung seiner Person fand nicht statt. „Wir nennen nie seinen Namen“, sagt Sandy Phillips. Er soll nicht noch mehr Aufmerksamkeit erhalten.

Sandy und Lonnie Phillips verkauften nach diesem Ereignis ihren Besitz in Texas, nahmen sich einen Camper und fahren seitdem durch das Land, um anderen Angehörigen von solchen Opfern zu helfen.

Falls sich jemand über die unterschiedlichen Nachnamen des Opfers und der Eltern wundern sollte: Jessica stammte aus einer früheren Ehe von Sandy. Als Journalistin verwendete Jessica Ghawi übrigens einen anderen Namen: Redfield. „Ich kann doch nicht mit Ghawi Journalistin werden“, sagte sie zu ihrer Mutter, wie diese berichtet. Also übernahm sie den Namen der Großmutter, die immer als Journalistin arbeiten wollte: Redfield. Der Name passte, sagt Sandy Phillips. Sie hatte rote Haare (red) und war Sportjournalistin (field für Spielfeld).

Sandy und Lonnie Philipps sind trotz des Todes ihrer Tochter nicht gegen ein komplettes Verbot von Waffen, aber für Einschränkungen: Schärfere Überprüfung von Personen, insbesondere denen, die auf den No Fly-Listen stehen. Das sind meist Personen, die unter Terrorverdacht stehen und vom Flugverkehr ausgeschlossen sind.

„Die Background-Checks sind fehleranfällig“, sagt Lonnie Phillips. Das System sei veraltet, nicht alle Staaten würden das System pflegen. In den Background-Checks werden vorherigen Straftaten in einem System des FBIs abgefragt.

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Haben 2012 ihre Tochter verloren: Lonnie (links) und Sandy Phillips. Fotos: Holscher

Waffenkäufer sollen grundsätzlich 30 Tage auf die Aushändigung der Waffen warten  – um zu verhindern, dass einzelne Personen sich etwa aus spontaner Wut  eine Waffe zulegen und damit Unsinn anstellen, finden die beiden.  Sandy und Lonnie Phillips setzten sich zudem dafür ein, die sog. „Assault Rifles“ zu verbieten. Dabei handelt es sich vor allem um Sturmgewehre, die auch als Schnellfeuergewehre bezeichnet werden. Zu den bekanntesten Waffen dieser Kategorie gehören die Kalaschnikow AK-47, das G36 von Heckler & Koch, sowie das  M-16 der US-Firma Colt. Zivilisten können diese Waffen in modifizierter Version erwerben, etwa das beliebte AR-15.

Dieses Gewehr wurde unter anderem bei dem Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School von dem Täter verwendet, der damit 20 Kinder erschoss.

Von dem Besuch in dem Gun-Club berichte ich nochmal extra – sonst würde dieser Beitrag zu lang werden. Ein kurzes Video mit Eindrücken gibt es schonmal vorab – das Video habe ich bewusst nicht  im „Off“ besprochen, es soll nur erste Impressionen liefern.

Am Montagabend reise ich weiter mit dem Zug nach Nebraska – einer Hochburg der Republikaner.

Euer Max Holscher

 

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