Liebe Leute,

vertauschte Rollen: Gestern war ich in der Kleinstadt Holdrege in Nebraska unterwegs. Und zack wird man fast zu einer lokalen Berühmtheit – vor allem, wenn man mit Bürgermeister Doug Young (der sich selbst der Young Doug nennt), unterwegs ist. Plötzlich sitzt einem der Sheriff gegenüber, wenig später schreibt die Lokalzeitung „Holdrege Daily Citizen“ (Auflage 2000 Stück, kein Onlineauftritt) einen Artikel über den Deutschen, der sich in das kleine Nest verirrt hat – dabei sieht der Deutsche gar nicht so deutsch aus. Ist er am Ende gar ein Muslim?

Salem Aleikum – ich hatte bisher auf meiner Tour keinen Stopp, bei dem ich so freundlich behandelt wurde, so viele  unterschiedliche Menschen  und so viele Republikaner getroffen habe.

Aber ich fange mal von vorne an, um einige Dinge, die ich anfangs eingestreut habe, aufzulösen.

Am Dienstagmorgen bin ich gemeinsam mit Bürgermeister Doug Young zu einem Treffen von Kommunalpolitikern gegangen – es handelte sich dabei um eine Art Stadtparlament bzw. Magistrat, bei dem es unter anderem um die Finanzierung eines Highwayabschnitts  ging. Zwischendrin hatte ich das Glück, die Abgeordneten – übrigens alle Republikaner – zu ihrer Sichtweise auf die größten Probleme der USA und die Präsidentschaftskandidaten zu befragen. Manche meinen, die Kandidaten sind das größte Problem.

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Treffen des Court Boards: Dabei handelt es sich um eine Art Magistrat bzw. Kommunalparlament, das etwa über Finanzen des Landkreises entscheidet.

Mehrere Dinge sind mir dabei in Erinnerung geblieben:

1) Das Einwandern von Menschen mit muslimischen Hintergrund, ist für die Bewohner der Stadt Holdrege ein großes Problem. Diese Gruppe hat die Mexikaner damit auf die hinteren Plätze verwiesen. „Wir müssen stärker kontrollieren, wer zu uns kommt“, meinen viele.

„Wir dürfen keine Muslime reinlassen“, lautete die schärfere Variante, die ich  heute gehört habe.

„Sie beten fünf Mal am Tag – und zwar damit Amerika untergeht“, war die Antwort, die wohl am undifferenziertesten war. Selbe Person stellte dann aber wegen meiner Fragen auch die These auf, ob ich überhaupt Deutscher sei. „Du siehst doch gar nicht so aus.“

Gut, wir haben es alle mit Humor genommen und gelacht. Es war sicherlich nicht ernst gemeint. Die Angst vor Moslems ist aber enorm. Mit ihnen wird Terrorismus verbunden. Dass die Terroristen das Bild der muslimischen Welt, die sich von Gewalt und Terror lossagt, dadurch zerstören – darin waren sich aber auch alle einig. Es ist eine nicht greifbare Angst dieser Menschen in der Kleinstadt Holdrege – fast unwirklich. Vermutlich lässt sich diese Angst aber auf ganz viele Orte in den USA übertragen.

2) Der Staat unterstützt zu stark Single-Mütter und Single-Haushalte – die Familie rückt in den Hintergrund. Das war eine Aussage, die ich spannend fand. Aus Sicht der Bewohner Holdregdes hat Barack Obama mit seiner Politik dafür gesorgt, dass Menschen das Dasein als Alleinerziehende(r) bevorzugen, weil der Staat diese Lebensweise stark fördert. Die Familie dagegen wird vernachlässigt und damit auch christliche Werte.

3) Und am Ende natürlich Donald Trump: Eigentlich hält niemand wirklich etwas von Trump. Ja, er kümmert sich nicht darum, was er sagt, spricht aus, was viele heimlich denken, etwa: Wir müssen den Dollar wieder stark machen, verlorene Jobs zurückholen, es dem Terroristen zeigen, die Immigration aus Mexiko und anderen Ländern eindämmen. Aber als Politiker trauen die Menschen in Holdrege Trump nicht viel zu. Kann er seine (leeren)  Versprechungen einhalten? Kann er diplomatisch sein? Was ist sein Programm? Verkörpert er christliche Wertvorstellungen? Ist er überhaupt glaubhaft? All diese Zweifel lassen die Menschen dennoch nicht zu Hillary Clinton wandern – denn die halten sie für noch schlimmer.

4) Trumps Erfolg beruht auf der Verärgerung der Menschen, hat Museumsleiter Dan Christensen gesagt. Dieser Ansatz ist nicht ganz neu, aber trifft es ganz gut, wie ich finde.

 

Dabei will ich es für heute auch belassen – anbei folgt  später  ein kleines Video mit Impressionen der Kleinstadt Holdrege und einem Interview mit Bürgermeister Doug Young.

 

Wie die Kollegen aus Holdrege Zeitung machen (ist im Video zu sehen) , dürfte bei vielen nostalgische Gefühle wecken. Kein Online, keine farbigen Bilder – aber: Sie produzieren immer noch und die Nachfrage ist da. Finde ich klasse. Bin gespannt, ob ich mich nach dem Artikel, der über mich erscheinen soll, noch in den USA blicken lassen kann. Ansonsten kann ich jedem einen Besuch in dieser schönen Stadt nur nahe legen.

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Zeitungsverleger Bob King (links) und Bürgermeister Doug Young – oder wie er sich nennt: The young Doug.

Morgen wird es wohl keinen großen Eintrag von mir geben, da ich viel im Zug sitzen werde.

Bis dahin, 

Euer Max Holscher

 

 

 

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