Liebe Leute,

endlich angekommen in Chicago – öffentliche Verkehrsmittel in den USA können echt die Hölle sein. In Holdrege, Nebraska, fährt am Tag nur ein Zug – und zwar um ein Uhr nachts.

Leider ist der nur nie pünktlich. Einsteigen konnten wir (drei Fahrgäste) erst um halb vier in der Nacht. 13 Stunden später erreichten wir Chicago. Die Stadt, in der die politische Karriere von US-Präsident Barack Obama begann. 

Während der Fahrt hat Alex, den ich am Bahnhof in Holdrege kennengelernt habe, bestimmt 20 Mal die automatische Bandansage von Amtrak angerufen, um Informationen zur Ankunft zu erhalten. Das verlief immer gleich – irgendwann konnte ich es mitsprechen.

Ein kleiner Eindruck (Gedächtnisprotokoll):
Alex, etwa Mitte 60, kurze Hose, etwas fleckiges Shirt, wurstelt sein Klapp-Handy (Modell 2001) aus der Hosentasche, klappt es auf, wählte die Nummer von Amtrak. Dann ging es los.

Fast klang es so, als wenn zwei automatische Sprachcomputer miteinander kommunizieren würden: „Train Status“, sagte Alex  überaus deutlich und überaus laut. Pause. „YES“. Pause. „NO“. Pause. „HOLDREGE“. Pause. „SIX“. Pause. „WEDNESDAY“. „CHICAGO“. Pause.

Und als ich dachte, ich könnte weiterdösen, brüllte Alex in sein Klapp-Handy:  „Check another train status“ – und das ganze ging von vorne los. „Yes“…..“No“…..usw.

Anschließend lehnte er sich von seinem Liegesitz in meine Richtung und teilte mir mit, was zu erwarten war. „Bad news Max, wir kommen zwei Stunden später an.“ Dann legte er sich wieder in seinen Liegesessel, schloss die Augen.

Ich mag solche Begegnungen. Sie entstehen meistens in Situationen, die sehr nervig sind. Etwa wie das nicht enden wollende Warten auf den Zug. Aber  am nächsten Tag ist es schon eine nette Geschichte, die man erzählen kann. „Train Status.“ „Yes“ „No“ „Holdrege“ – ich werde es nie vergessen.

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Irgendwo im Nirgendwo: Warten auf Amtrak in Holdrege, Nebraska.

 

Heute habe ich dann in Chicago den Autor David Mendell getroffen. Er hat 2008, noch bevor klar war, dass Barack Obama als Präsidentschaftskandidat antreten würde, mit einer Biographie über ihn begonnen und Obama später auf seiner Wahlkampfstour begleitet. Er war also nah dran an Obama wie nur wenige.

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Das komplette Interview werde ich mit etwas mehr Zeit noch einmal abtippen und hier reinstellen.
Eine kurze Zusammenfassung unseres Treffens: „Obama wird vor allem als erster schwarzer Präsident in die Geschichtsbücher eingehen und nicht so sehr wegen seiner politischen Leistungen“, sagt Mendell, der bis 2008 für die Chicago Tribune gearbeitet hat. 

Das Problem aus seiner Sicht war für Obama, dass die Erwartungen an ihn zu hoch waren. Alle dachten, Obama könne über Nacht die Welt verändern – was natürlich nicht möglich ist. „Die politischen Mühlen mahlen langsam“, sagt Mendell.

Hinzu kam ein anderes Problem: Obama war anfänglich jemand, der auf Kompromiss setzte. Er war ein Vermittler, der den Konsens suchte, mit einer Lösung, auf die sich alle einigen konnten. Nur wollten das die Republikaner natürlich nicht. Sie blockten alle Vorstöße. „Die größte Niederlage ist wahrscheinlich, dass er an den Waffengesetzen nichts ändern konnte“, sagte Mendell. Man sehe ihm an, wie ihn das frustrieren würde – gerade nach dem erneuten Amoklauf in Orlando, Florida.

Obama habe aber dennoch viele Dinge auf den Weg gebracht: Die Gesundheitsreform, das langsam wieder beginnende Wachstum der Wirtschaft. „Obama war der Handyman (der Hausmeister, Alleskönner), der viele Probleme der Jahre vor seiner Amtszeit in Angriff genommen hat, überall ranmusste“, sagt Wendell. Deshalb sehe es so aus, als wenn der große Wurf nicht gelungen ist.

Gerade die Afro-Amerikaner aus der Mittelschicht, aber auch die arme Bevölkerung habe mehr erwartet, sagt Mendell. Die Enttäuschung sei dort groß.

Was ich persönlich besonders spannend finde: Mendell hat eine Schwäche bei Obama ausgemacht, die mir bisher so nicht bekannt war:  Der Präsident sei ein sehr introvertierter Typ, ein Professor, der eine Zeit zum Zurückziehen am Tag brauche. Dann lese er ein Buch, spiele Golf. „Er war nie jemand, der ein Netzwerk mit Kontakten (sprich: Vitamin B) aufgebaut hat,  das ihm irgendwann einmal nützlich sein könnte“, sagt Mendell. Bill Clinton dagegen sei beispielsweise ein Meister darin gewesen – „der hat jede Nacht 20 Leute aus Wirtschaft und Politik angerufen und mit ihnen geredet.“ Das habe ihm geholfen, um Projekte durchzuboxen. Obama sei nicht der Typ dafür.

Der Journalist, der heute als Freelancer arbeitet, glaubt nicht an einen Sieg von Donald Trump. „Eigentlich haben die Menschen immer den Kandidaten gewählt, der ganz anders als der letzte Präsident war“, sagt Mendell. Nach George W. Bush kam Obama. „Deshalb müsste man fast sagen, Trump wird es“, sagt Mendell. Doch Trump habe wahrscheinlich zu wenig Wähler auf seiner Seite – er habe Latinos, Muslime mit seinen Aussagen vergrätzt.

„Aber in der Politik kann man nichts voraussagen“, sagt Mendell.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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