Liebe Leute, 

die Zeit rast und ich befinde mich in dem Moment, in dem ich diesen Eintrag beginne, im Bus von Washington D.C. nach New York City. Meine Reise, die vor über zwei Wochen in San Francisco startete, neigt sich langsam dem Ende. Auch wenn ich mir viele Dinge sehr kritisch angeschaut habe, muss ich die Amerikaner an dieser Stelle loben. Niemand beherrscht den Smalltalk so gut wie sie. Und das meine ich wirklich positiv.

Denn aus so manchem netten Plausch über das Wetter entsteht eine Diskussion, ein Kontakt,  aus der eine Einladung folgt, die einen wieder mit neuen, spannenden Menschen zusammenbringt. Das ist mir gestern (erneut) passiert.

Ich saß in einem Taxi  auf dem Weg zu einem Termin in Washington D.C., wo ich am Samstagabend gelandet war – unsere Fahrerin nahm noch weitere Fahrgäste auf. Wir kamen ins Gespräch – Trump, Brexit, die Situation in Deutschland.

Nicht jeder Amerikaner ist so gut informiert wie jener aus dem Taxi. Ganz im Gegenteil: Viele sind sogar aus Sicht ihrer eigenen Landsleute ignorant.  Nach dem Motto: Warum soll ich die USA verlassen und mir etwas anderes anschauen – wir sind doch das größte, schönste und mächtigste Land. Einige Menschen, mit denen ich gesprochen haben, sagen das übrigens insbesondere den Republikanern nach. Dementsprechend gering ist dann das Interesse für politische Entwicklungen in anderen Ländern.

„Weißt du was“, sagt der Amerikaner, der etwa Ende 20, Anfang 30 war. „Es ist spannend mit dir zu diskutieren, wir haben heute Abend ein Treffen zur Lage in der EU an der Johns Hopkins Unversität, komm doch vorbei.“

In den rund 15 Monaten, die ich mit Unterbrechungen in den USA verbracht habe, sind mir solche Begegnungen häufiger passiert als in der gesamten Zeit in Deutschland. Es ist eine Mentalitätsfrage: Du bist ein netter und interessanter Typ, lass uns Kontaktinfos austauschen und schauen, was wir daraus machen können – so ist die Einstellung. Wie häufig schweigen sich zwei Deutsche dagegen an der Bushaltestelle nur an, anstatt ein wenig zu plaudern. Man hat doch nichts zu verlieren.

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Ich ging abends zu dem Treffen – es fand in einem Seminarraum mit etwa 20 Personen statt: junge Spanier, Griechen, Bulgaren, Deutsche, Amerikaner, Briten und Iren – die Teilnehmer arbeiten für die Welt Bank, das amerikanische Außenministerium, politische Denkfabriken, teils für die EU. Keiner wusste eigentlich so richtig, was er bei dem Treffen zu erwarten hatte. Alle waren einer Einladung gefolgt und wussten nur: Es geht um die EU.

Es entstand eine interessante Debatte- warum ist Europa in der Krise, warum bestimmen die nationalistischen Stimmen die politische Agenda und die öffentliche Diskussion?

Um es kurz zu machen: Die Initiatoren dieses Treffens möchten eine Art Bewegung starten, die den europakritischen Stimmen etwas entgegen setzen will. Der Ausgang der ganzen Idee ist offen, ob wirklich etwas daraus wird, niemand weiß es. Aber eines hat sich während der Diskussion gezeigt. Es gibt eine ganze Menge junge Menschen, die für sich und ihre Kinder die EU als Institution erhalten wollen – auch in einem supranationalen Staat. Schließlich hat die EU Sicherheit gebracht, ohne Kriege und meist mit leichtem wirtschaftlichem Wachstum.

Das Problem ist: Die Kritiker der EU haben es leichter, sie erreichen viele Menschen über den Faktor Angst: Angst vor der Islamisierung unserer Welt, Angst vor Flüchtlingen, Angst vor dem Verlust von Wohlstand, des Nationalstaates. Das war eine Schlussfolgerung aus der Diskussion.

Der EU und den Nationalstaaten ist es dagegen nicht gelungen, den Menschen deutlich zu machen, was die EU für den Einzelnen tut, welche Vorteile sie bringt.  Wer kann schon sagen, ob diese oder jene Entscheidung, von der er profitiert, die EU oder die Bundesregierung getroffen hat? Die EU und ihre Institutionen sind weit weg. Wie man die öffentliche Diskussion in eine positive Richtung lenken kann, damit will sich womöglich eine Bewegung beschäftigen, die sich an jenem Montagabend an der Johns Hopkins Unversität getroffen hat.

Vielleicht hat der Brexit auch etwas Gutes: Die Menschen machen sich wieder mehr Gedanken über Politik, mischen sich ein.

Übrigens hat mich eine Mail aus Holdrege, Nebraska erreicht. Die örtliche Lokalzeitung „Holdrege Daily Citizen“ hat mir den Artikel zugeschickt, der dort über meine Reise erschienen ist. Es ist auch mal interessant zu sehen, wie es ist, auf einmal auf der anderen Seite zu stehen.

Er kann als pdf aufgerufen werden. Holdrege Daily Citizen

Soweit für heute,

Euer Max Holscher

 

2 Gedanken zu “Sorge in Washington um die EU

  1. freue mich, dass Ihre Reise so gut verlaeuft: toi, toi, toi….leider kamen Sie ja nicht nach Los Angeles; auch ein Ort zum Wohlfuehlen. Fuer uns auf jeden fall! Liebe Gruesse nach Kassel 🙂 meine alte Heimat!

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